Barrierefrei planen und bauen für alle

Im Dezember 2006 hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderung verabschiedet. Die sogenannte UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) soll allen Menschen die Teilhabe an allen gesellschaftlichen Prozessen garantieren und  ermöglichen. UN-Mitgliedsstaaten, die sie unterschrieben haben, sind verpflichtet, das Menschenrecht der Teilhabe in den Alltag umzusetzen.

In Deutschland ist die BRK seit März 2009 in Kraft. Kommunen sollen sie vor Ort umsetzen. Leider zeigen sich Veränderungen erst in zaghaften Ansätzen. Entscheidungsträger handeln vielfach erst, wenn sie merken, dass Geschäfte nicht mehr so gut laufen, Kunden verloren gehen oder Arbeitsplätze abgebaut werden müssen.

Die meisten wissen, dass sich die Gesellschaft dauernd verändert. Jeder hat schon einmal vom demografischen Wandel gehört. Alle reden inzwischen darüber: die Bevölkerung wird immer älter, die Renten sind nicht mehr sicher. Es gibt zwar viele fitte und mobile „Best Ager“, also aktive Senioren, die immer öfter in der Werbung auftauchen. Aber was ist, wenn das Alter seine Spuren hinterlässt? Wenn Krankheit oder irgendein anderer Grund die Mobilität einschränkt? Was bedeutet das für die Stadtplanung und alle anderen, die irgendwie daran beteiligt sind?

Das statistische Bundesamt untermauert das, worüber alle reden, mit Zahlen. In der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung vom November 2009 wird prognostiziert, dass die Geburtenzahl weiter zurückgehen und die Kinderzahl künftig sinken wird. Die Zahl der Sterbefälle wird – trotz steigender Lebenserwartung – zunehmen, weil die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er Jahre langsam ins Rentenalter kommen.  Menschen sind immer häufiger auf fremde Hilfen angewiesen.

Barrierefreies Planen und Bauen – jeder kann beitragen

Es ist höchste Zeit, vorausschauend zu planen. Aufgabe ist, die Lebensqualität von Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind oder sein werden, zu verbessern und unnötige Barrieren abzubauen.

Barrierefreies Planen und Bauen ist aber noch mehr: Es ist Planen und Bauen für alle Menschen, eine nutzbare und ansprechende Architektur für heute und morgen! Es ermöglicht allen ein weitgehend gefahrloses, selbständiges und hindernisfreies Erreichen verschiedener Ziele und die Nutzung aller für Menschen bestimmten Wege und Gebäude. Es ist langfristig kostengünstiger als alle anderen Formen des Bauens und schließt niemanden aus.

Viele denken, die „anderen“ müssten anfangen und man selber sei machtlos und könne nichts tun. Zahlreiche Akteure sind aber an Planungs- und Bauprozessen beteiligt und können sich aktiv für eine barrierefreie Umgebung einsetzen, z.B.

  • Bürgerinnen und Bürger
  • Architekten und Wohnungsbauträger
  • Planer und Handwerker
  • potenzielle Bauherren
  • Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Stadt- oder Gemeindeverwaltungen bzw. im Stadt- oder Gemeinderat.

Jeder Bürger und Betroffene kann sich beteiligen, man kann öffentliche Bauvorhaben einsehen und gegebenenfalls Einspruch dagegen erheben oder Bedenken anmelden. Solche Bedenken müssen dann diskutiert werden.

Architekten können bei jedem Projekt beweisen, dass barrierefreies Bauen und ansprechende Gestaltung sich nicht widersprechen müssen.

Handwerker und Gewerbetreibende können mit entsprechenden Produkten werben: gut zu bedienende Schalter, Griffe und Armaturen, trittsichere Fliesen und Bodenbeläge, Sanitärobjekte, Möbel, Büro- und Kücheneinrichtungen, die flexibel auf die Bedürfnisse unterschiedlicher Menschen eingehen.

Private Bauherren oder Investoren können ein Haus von vornherein so planen, dass es auch im Alter uneingeschränkt genutzt werden kann oder Besuch von Freunden mit Behinderungen bekommen können.

Mitarbeiter der Verwaltung können jedes Bauprojekt auf Barrierefreiheit überprüfen und eine Genehmigung von der Erfüllung von Kriterien zum barrierefreien Bauen abhängig machen.

Mitglieder im Stadtrat können Bauvorhaben in Ihrer Stadt ebenfalls daraufhin überprüfen, ob Kriterien des barrierefreien Bauens erfüllt wurden.

Die Stadt Münster hat 2012 die Broschüre „Bauen für alle – Barrierefrei“ herausgegeben.

Ein Arbeitskreis, besetzt mit Behindertenbeauftragten und -koordinatoren aus Nordrhein-Westfalen, hat sich zusammengefunden. Anschaulich wird beschrieben, woran man denken sollte, wenn man es mit dem barrierefreien Planen und Bauen ernst meint. Checklisten helfen zu prüfen, ob an alles gedacht wurde, was einem wichtig erscheint. Münster erlaubt ausdrücklich allen anderen Kommunen diese Broschüre auch für ihre eigene Kommune zu nutzen. Die einzige Forderung ist, die Quelle anzugeben. Ein toller Ansatz, fundierte Ergebnisse auch anderen zugänglich zu machen.

Birgit Brink, November 2012

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