Es ist nicht wichtig, ganz ohne Rollstuhl auszukommen

Da ist der Bordstein am Zebrastreifen. Der Schotterweg, der nicht asphaltiert ist. Die Treppen. Der Höhenunterschied zwischen Bahnsteig und S-Bahn-Einstieg. Kleine Schritte für die meisten Menschen, oft unüberwindbare Hindernisse für Rollstuhlfahrer.

Andrea Schanker (Name geändert) braucht ihren Rollstuhl nicht immer, denn sie kann, wenn auch nur mit Hilfsmitteln, noch gehen. Aber ganz ohne ihn kommt sie auch nicht mehr aus. So wie heute. Die 41-Jährige Stadtplanerin, die im Westen Hamburgs im Stadtteil Groß-Flottbek wohnt, hat einen Termin beim Arbeitsamt in der Innenstadt. Sie muss rechtzeitig mit ihrem Wagen losfahren, um nicht zu spät zu kommen, falls sie keinen Parkplatz bekommt, der nah am Eingang ist.

Busse und Bahnen kommen aus zwei Gründen nicht in Frage. Die Gehwege zu den Haltestellen und im Amt sind zu Fuß zu anstrengend. Mit dem Rollstuhl könnte sie zwar den Hügel zur Bushaltestelle runter rollen, käme aber auf dem Rückweg nicht wieder hinauf. Deshalb hat sie einen Kleinwagen mit Automatik, in dem sie den Rollstuhl mitnehmen kann. Einen Wagen zu brauchen stört die überzeugte Anhängerin von öffentlichen Verkehrsmitteln und Energiesparsamkeit sehr, aber es geht nicht anders.

Andrea Schanker hat kurze Haare, eine Brille mit Drahtgestell und blaue, wache Augen. Sie ist sportlich gekleidet: Funktionsjacke und Jeans. Auf den sechs Treppenstufen von der Wohnungstür zum Hauseingang setzt sie mit langsamen, ruckartigen Bewegungen einen Fuß vor den anderen, stützt sich mit einer Hand am Geländer ab, die andere hält ihren Teleskop-Wanderstock. Für die etwa sechs Meter von der Haustür zu ihrem Wagen ist es ihr lieber, sie hat jemanden zum Unterhaken. Das sei leichter, als mit dem Stock zu gehen. Sie kann immer nur eine Person im Wagen mitnehmen, den Platz im Kofferraum und die umgelegte Rückbank braucht sie für den Rollstuhl.

Sie hat viel gemacht, bevor sie die Krankheit aus ihrem gewohnten Leben herausriss: nach dem Erststudium Volkswirtschaft schließt sie ein zweites in Stadtplanung ab, sie reist und wandert viel, fährt gerne Fahrrad. Ihr gewohntes Leben beginnt sich vor fünf Jahren zu ändern, als ihr beim Spazierengehen auffällt, dass sie ihr linkes Bein mit einem eigenartigen Plopp-Geräusch aufsetzt. Nach vielen Untersuchungen mit beängstigend klingenden Namen wie Lumbalpunktion, Kernspintomografie und neurologischen Tests setzen die Ãrzte aus vielen Puzzlestücken die Diagnose zusammen: Multiple Sklerose, oder kurz MS.

Sie kann immer schlechter Laufen, ihre Muskeln gehorchen ihr nicht mehr wie früher, weil viele entzündliche Reaktionen in Gehirn und Rückenmark nach und nach die isolierende Myelinschicht der Nervenfasern zerstören. Das ist in etwa so, als würde bei elektrischen Kabeln die Isolierung kaputt gehen. Das Ergebnis: die Botschaften des Gehirns kommen nicht mehr richtig bei den Muskeln an. Vor allem die Beine ermüden bei ihr schnell. Wenn sie nicht im Rollstuhl unterwegs ist, braucht sie als Stütze stets ihren Teleskopstock, ein Geländer, eine Wand oder eine Person. Sie hat gelernt, den Rollstuhl zu akzeptieren, weil sie ihre Kräfte einteilen muss. „Es ist nicht wichtig, ganz ohne Rollstuhl auszukommen. Oft spart er Energie, die ich für etwas anderes nutzen kann“, sagt sie.

Das ist die ruhige, pragmatische Andrea Schanker, die sagt, es ist eben so. Da gibt es aber auch die Zeiten, in der es nur schwer zu ertragen ist, in denen sie hadert, schimpft, weint, sich bedauert. Die Frage nach dem Warum ist die schwerste Frage, weil es keine Antwort auf sie gibt, sagt sie. Obwohl MS sehr unterschiedlich verlaufen kann und nur selten tödlich ist, denkt sie ständig darüber nach, was die Krankheit noch mit ihr anrichten könnte. Sie hat Angst davor, dass einmal nichts mehr geht. “Das macht jede Planung sehr schwer. Ich nehme mir Dinge nicht mehr vor, bei denen ich nicht weiß, ob sie noch gehen werden. Langfristige Urlaubspläne zum Beispiel. Das muss ich lernen, aber es fällt mir sehr schwer.“

Sie konzentriert sich lieber darauf, was sie schaffen kann und was ihr hilft, ihre Energie am besten zu nutzen. Statt Einkaufen zu gehen bestellt sie mit ihrem Mann zum Beispiel jede Woche eine Biokiste mit Lebensmitteln. Sie arbeitet auch in einer Theatergruppe mit, die Stücke auf Englisch aufführt unter der Regie ihres Mannes. Gleich nach der Diagnose hat sie sich zu Weihnachten einen Heimtrainer gewünscht. Seitdem fährt sie jeden Tag sechs bis zwölf Kilometer und wünscht sich, auch weiterhin mit ihrem richtigen Fahrrad selbständig zur Krankengymnastik fahren zu können. Autofahren hingegen ist kein Problem. Es wird nur schwierig, beim Arbeitsamt einen günstig gelegenen Parkplatz zu finden. Das letzte Mal hat sie nur einen weit weg vom Eingang gefunden und musste mit dem Rollstuhl mühsam gegen die Steigung der Straße ankämpfen. Heute hat sie Glück. Sie findet einen Parkplatz ganz nah beim Eingang. Der Behindertenparkplatz nebenan ist auch frei, doch den darf sie nicht benutzen. Dazu bräuchte sie das Merkzeichen aG in ihrem Ausweis, das steht für außergewöhnliche Gehbehinderung. Da der Grad der Behinderung bei ihr aber nicht mit mindestens 70 von 100 bewertet wurde, bekommt sie es nicht. Nach dem Einparken läuft sie, eine Hand wieder auf das Autodach gestützt, zum Kofferraum. Sie hievt den Rollstuhl heraus, was schwer ist, weil die Kofferraumkante des Wagens ungünstig hoch ist.

So sehr ihr das Gefährt hilft, er schränkt sie auch ein, weil sie mit ihm nicht überall hin kommt. Die Mehrheit der nicht gehbehinderten Menschen denkt beim Bauen schlicht nicht an Rollstuhlfahrer: nicht abgesenkte Bordsteinkanten an Fußgängerampeln, durch Wurzeln hochgedrückte Asphaltwellen auf dem Gehweg, Treppen ohne Ausweichmöglichkeit auf Rampen oder Aufzüge. Aber so manche Rampe ist zu steil, um mit der eigenen Muskelkraft hinaufzukommen und Aufzüge sind oft lange kaputt. Die Liste der Baumängel, wie Andrea Schanker sie nennt, ist lang.
Deshalb hat sie, ganz Stadtplanerin, vor zwei Wochen einen Webblog mit dem Namen http://www.behindernisse.de gestartet, in dem sie deutschlandweit idiotische und nachahmenswerte Lösungen für behinderten(un)freundliche Umgebungen sammelt, nach Möglichkeit mit Fotos. Sie möchte erreichen, dass Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind bei der Planung beteiligt werden, welche Lösungen gut und praktikabel für sie wären. Das Internet ist ihr Tor zur Welt, wenn sie schon nicht mehr überall hin kommt. Ob ihre Mobilitätseinschränkung, wie sie statt Gehbehinderung lieber sagt, auch ein Grund dafür ist, dass sie keine Arbeit findet, weiß sie nicht. Es gibt nicht viele Stellen für Stadtplaner. Die Ablehnungen werden aber auch nie begründet. Sie könnte keine volle vierzig Stunden arbeiten, dazu reichen ihre Kräfte nicht. Aber arbeiten will sie auf jeden Fall. „Es ist ein tolles Gefühl, die Lohnsteuerkarte abzugeben. Manchmal denke ich, dass mich keiner will, und das ist ein doofes Gefühl.“

Der Termin beim Arbeitsamt war erfolgreich. Sie hat zwar keine Stellenangebote bekommen, aber der Sachbearbeiter hat ihr viele gute Tipps gegeben. Sie könne Geld aus einem Fördertopf beantragen, der “ wie es im sperrigen Amtsdeutsch heißt “ für die Wiedereingliederung von Schwerbehinderten in den Arbeitsmarkt bereit steht. „Bisher hat mir keiner gesagt, dass ich ein Anrecht auf so was habe.“ Doch dann kommt gleich ein Dämpfer. Sie will noch schnell mal auf die Toilette rollen, aber das geht eben nicht so schnell. Die Behindertentoiletten sind beide abgeschlossen. Andrea Schanker muss sich den Schlüssel am Informationsschalter holen. Warum die Toiletten abgeschlossen sind? Damit nicht auch alle anderen diese Örtlichkeiten benutzen, die sollen ruhig in den Keller gehen, wo ihre Toiletten sind, sagt die Frau am Informationsschalter. Kein Mensch käme auf die Idee, die Toiletten im Keller abzuschließen. Beispiele wie dieses hat Andrea Schanker auch in ihrem Webblog stehen. Es werden wohl noch mehr dazu kommen.

Übungsreportage von Veronika Szentpetery, Volontärin bei Technology Review, für den Volontärskurs an der Akademie für Publizistik, Hamburg (Januar 2007)

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