Home sweet home

Am liebsten ist Saskia Mayer in ihrer Wohnung. Hier kann sie arbeiten, lesen, schreiben oder auf dem Balkon sitzen. Sie muss sich niemals fragen, wie sie ein entferntes Ziel erreicht, ob der Fahrstuhl funktioniert oder Stufen bewältigt werden müssen.

Ungewöhnlich für eine 45-jährige, die immer sehr aktiv war und großen Wert darauf legte, selbständig überall hinzukommen. Heute fehlt ihr oft der Mut, allein in die Welt zu gehen. Sie freut sich, wenn ihr Mann sie begleitet. Wegen einer Multiplen Sklerose kann sie sich draußen nur im Rollstuhl fortbewegen.

Vor 2 Jahren verließ sie mit ihrem Mann die Wohnung im Hochparterre in Groß-Flottbek, einem Stadtteil im Hamburger Westen. Es fiel ihr immer schwerer, die Stufen in die Wohnung zu bewältigen, in den Keller kam sie schon lange nicht mehr. Außerdem war die Umgebung draußen zu hügelig. Der Umzug in die neue Wohnung an einem anderen Ort sollte ihr Leben verändern.

Mit viel Glück fanden sie eine nahezu barrierefreie Wohnung in Hamburg-Eimsbüttel und griffen gleich zu. Im Stadtteil ist jede Menge los. Es gibt Häuser aus der Gründerzeit, Cafés, Supermärkte, Apotheken und Drogerien. Alles ist zu Fuß oder mit dem Rollstuhl erreichbar. Und trotzdem ist die Wohnung ruhig gelegen, die Nachbarn sind nett. Fast eine kleine Idylle. Sogar Bus und Bahn sind in der Nähe, man kommt schnell hin und weg.

Das neue Haus hat einen Aufzug und automatische Türöffner, andere Barrieren wurden schon vor dem Einzug abgebaut. Im Bad gibt es genug Haltegriffe, die Haustürschwelle wurde begradigt, mit einem Knopfdruck auf die Funkfernbedienung öffnet sich die Haustür wie von Zauberhand. Saskia sollte jederzeit überall hin kommen. Auch die Umgebung ist einigermaßen barrierefrei. Es gibt viele Bordsteinabsenkungen und Fußgängerampeln. Na gut, die kreuz und quer parkenden Autos und die holprigen Gehwege sind manchmal ziemlich nervig.

Trotz allem traut Saskia sich nicht, allein ihre Wohnung zu verlassen. Ihr Mann ist tagsüber unterwegs, hat einen herausfordernden Job. Theoretisch könnte sie viel unternehmen, doch ihr fehlt der Mut, sich auf den Weg zu machen. Immer wieder fragt sie sich, ob Stufen zu überwinden sind, der Aufzug funktioniert oder Menschen aufmerksam sind, wenn sie Hilfe braucht.

Viel stressfreier ist, zu Haus zu bleiben, am PC zu sitzen und am virtuellen Leben in allen möglichen Foren teilzunehmen. Gleichzeitig fehlen ihr aber neue Eindrücke und Erfahrungen.

Sie will ihre Situation unbedingt verändern und sucht eine Psychotherapeutin, die helfen kann. Schon tut sich das nächste Problem auf. Trotz intensiver Suche findet sie keine Praxis in ihrer Nähe, die auch mit dem Rollstuhl erreichbar ist. Viele Therapeuten informieren nirgendwo über ihre Erreichbarkeit. „Rollstuhlfahrer brauchen wohl keine Therapeuten“, so ihr resigniertes Fazit.

Oft ist das Internet eine gute Informationsquelle und Saskia hofft, Hilfe zu finden. Sie befragt Suchmaschinen wie Google oder www.wheelmap.org, findet die Maske zur Arztsuche der Kassenärztlichen Vereinigung, fragt beim Landesverband der Deutschen Multiplen Sklerose Gesellschaft (DMSG) nach. Immer wieder bekommt sie die gleiche, frustrierende Antwort: „Leider liefert die Suche keine Ergebnisse. Verändern Sie bitte Ihre Suchkriterien.“
Nur wenige Therapeuten geben an, ob ihre Praxen mit einem Rollstuhl erreichbar sind. Und wenn sie eine Praxis gefunden hat, sind die Angaben oft veraltet oder falsch. Für regelmäßige Aktualisierungen, ähnlich wie beim Telefonbuch, wird selten Geld ausgegeben. „Ist wohl nicht so wichtig“ sagte die Sekretärin einer Praxis mit 8 Therapeuten.

Ein Mitarbeiter der DMSG fragte bei seinen Kollegen nach und bekam nur einen Namen, der für Saskia nicht in Frage kommt. Ein anderer Therapeut hatte auf seinem Anrufbeantworter eine unsympathische Stimme, die sie gleich abschreckte. Eine weitere Therapeutin erzählte beim ersten Telefonat ihre eigene Lebens- und Leidensgeschichte und wie viel Geld sie in ihre rollstuhlgerechte Praxis gesteckt habe, die es dann doch nicht ist.

Für Saskia muss nicht jeder Ort erreichbar sein. „Ich wünsche mir lediglich verlässliche Informationen darüber, welche Hindernisse mich erwarten.“

Krankenkassen wissen, dass die Suche nach einem hilfreichen Therapeuten mühsam ist. Patienten haben die Möglichkeit, in fünf Probesitzungen einen geeigneten Menschen zu finden. Aber was ist, wenn nur eine Person zur Wahl steht? Diese Situation ärgert Saskia. Dem ganzen setzt ein Facharzt noch die Krone auf. Er hält eine Therapie für dringend notwendig und wirft ihr vor, sie missachte seine Empfehlungen Als sie von ihren Schwierigkeiten bei der Suche erzählt, hat auch er keine Idee.

„Ich überlege mir gerne Lösungen, aber meine Laune sinkt auf einen Tiefpunkt, wenn ich überhaupt keinen Ansatz finde, wo ich suchen kann. Was tun, wenn Leute, die eigentlich Lösungsideen haben sollten, auch nur mit den Schultern zucken und sagen, dass sie mir nicht helfen können?“

Saskia wünscht, eine Fee möge erscheinen und die Lösung servieren. Das gibt es aber nur im Märchen. Sie hofft, die Suche über eine weitere Suchmaschine nach barrierefreien Praxen in ihrer Nähe liefert viele Ergebnisse. Sie wird bei einigen anrufen. Hoffentlich sind die Informationen diesmal richtig und aktuell und die Therapeuten sympathisch.

Birgit Brink, April 2012

3 Gedanken zu „Home sweet home“

  1. Es macht mich immer wieder nachdenklich, so etwas zu lesen.

    Auch ich bin immer öfter auf den Rollstuhl angewiesen. Noch kann ich laufend im Haus zurecht kommen, allerdings fängt das Problem schon an, wenn ich mit dem Rolli ganz allein hinaus wollte (schmale Tür, Stufen und Kraftlosigkeit). Ein Supermarkt in 500 m Entfernung wäre theoretisch erreichbar, würde mal Ablenkung bieten, aber ich traue mich nicht, wie in diesem Bericht beschrieben.

    Der Gedanke daran, eine neue Bleibe zu finden, sollte sich mein Zustand verschlimmern, macht mich auch ganz ratlos. Ich glaube, in der Kleinstadt ist es noch um einiges schwieriger, eine geeignete Wohnung zu finden. Weg möchte ich hier aber nicht, denn ich fühle mich wohl an diesem Ort.

    So bleibt mir vorerst nichts übrig, als mich in die Abhängigkeit von glücklicherweise lieben Menschen zu begeben. Selbständigkeit, die ich mal kannte, sieht anders aus.

  2. Vielen Dank für deine Gedanken. Für mich ist es eine tolle Erfahrung, mit einem Handbike unterwegs zu sein. Damit kann ich allein unterwegs sein und muss niemanden fragen, ob er oder sie mich begleitet. Deine 500-m zum Supermarkt wären damit kein Problem. Am Supermarkt angekommen, koppelst du es einfach ab und fährst mit dem Rolli in den Laden.

  3. Ich habe einen Rolli mit e-motion Restkraftverstärker. Dieser kann bei Bedarf mit einem Buggy-Rad – wahrscheinlich die gleiche Firma und gleiche Kupplung wie das Handbike – ergänzt werden. Somit ist das eigentliche Fahren nur bedingt das Problem. Vielmehr ist es für mich der Aufwand, das Ding auf die Straße zu bekommen und mich dann allein im Straßenverkehr zu bewegen.

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