Wohnwelten – drinnen und draußen

Inzwischen hat es sich herumgesprochen: die Bevölkerung wird älter, der demografische Wandel ist im vollem Gange. Die Bedürfnisse ändern sich, seniorengerechte Produkte werden immer öfter nachgefragt. Gesucht sind Dinge, die gleichzeitig hübsch aussehen und leicht zu bedienen sind. Menschen wollen sich draußen bewegen und aufhalten können, egal ob sie fit oder in ihrer Mobiltät eingeschränkt sind.

Drinnen
Immer mehr Architekten entwerfen Wohnungen, die leicht an sich verändernde Anforderungen angepasst werden können. Sprich: Türen sind von vornherein etwas breiter, der Einbau einer bodengleiche Dusche gehört fast zum Standard und Lichtschalter sind gut erreichbar. Wenn später Hilfsmittel gebraucht werden, lassen sie sich relativ leicht einbauen.

Bei der Suche nach Lösungen für spezielle Probleme helfen Beratungszentren wie z. B. „Barrierefrei Leben e.V.“ in Hamburg oder deren „Onlinewohnberatung“ im Internet. Fachleute beraten umfassend und unabhängig über das Angebot an Technischen Hilfen und Umbaumöglichkeiten. Ratsuchende können in einer Ausstellung „Hilfsmittel und Wohnungsanpassung“ alles testen und ausprobieren. Geschäftsführerin Karin Dieckmann ist erfreut, dass die „online Wohnberatung“ immer öfter konsultiert wird. Das Beratungszentrum hat mit seinen Angeboten den Nerv der Zeit getroffen. Sie beobachtet auch, dass sich auf dem Hilfsmittelmarkt eine Menge getan hat. Produkte, die ausschließlich von Sanitätshäusern zu hohen Preisen angeboten wurden, haben ihr abschreckendes Hilfsmittelimage verloren. Sie sind eher „seniorengerecht“ und haben ein ansprechendes Design. Wegen verstärkter Nachfrage werden sie inzwischen auch beim Händler vor Ort zu akzeptablen Preisen angeboten.

Die Zahl der Architekten, für die Barrierefreiheit kein Fremdwort sondern eine spannende Herausforderung ist, wächst. Sie wissen, dass sich hinter der DIN 18040 die Planungsgrundlagen für barrierefreies Bauen verbergen und scheuen sich nicht, sie anzuwenden. Jeder Kunde hat individuelle Bedürfnisse und die Geldbeutel sind unterschiedlich prall gefüllt. Bemüht sich ein Architekt, finanzierbare Lösungen für spezielle Anforderungen zu finden, kann das selbstbestimmte Leben sehr viel leichter werden.

Draußen
Die Wohnwelt in den eigenen vier Wänden kann jeder durch eigene Initiative verändern. Anders ist es, wenn man aus der Haustür heraustritt. Die meisten Städte sind weit davon entfernt, barrierefrei zu sein. Allein die Ausweisung von Behindertenparkplätzen reicht nicht aus, eine Stadt nutzbar für alle zu machen.

Dabei haben alle Menschen ähnliche Bedürfnisse: Sie wollen mobil sein, ihre Stadt erleben, ins Theater, Kino oder in die Kneipe gehen können, ihre Einkäufe erledigen, etc.. Diesen Bedürfnissen nachgehen zu können, ist für Menschen, die Hilfsmittel wie Rollatoren oder Rollstühle nutzen, ungleich schwieriger. Sie brauchen eine Welt mit weniger Barrieren.

Einfluss auf die Gestaltung öffentlicher Flächen und Einrichtungen können sie nehmen, wenn sie sich aktiv an Plandiskussionen beteiligen und ihre Anregungen ernst genommen werden. Oft werden Interessen und Anforderungen aber mit dem Argument abgeschmettert, sie kosten zu viel Geld. Mitunter werden Maßnahmen genehmigt, die zwar chic, aber nicht von allen nutzbar sind. So werden Lebenswelten geschaffen, die weder heute noch morgen von allen genutzt werden können. Das Ziel, eine zukunftsfähige Stadt zu gestalten, rückt in weite Ferne.

Der Wunsch, eine Stadt barrierefreier zu gestalten, ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ein schönes Beispiel dafür ist die Hafencity in Hamburg. Gerne besuchen Touristen den neuen Stadtteil direkt an der Elbe. Der Tourismusverband schaut fast wie hypnotisiert auf die Entwicklung der Besucherzahlen. Allerdings war sie für ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen anfangs nur schwer zugänglich. Für Blinde und Sehbehinderte war sie eher gefährlich als ein attraktives Erlebnis, sie mit dem Rollstuhl zu erkunden machte wenig Spaß.

Anlässlich des europäischen Aktionstages für die Gleichstellung und gegen die Diskriminierung behinderter Menschen lud die LAG (Landesarbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen) zum 5. Mai 2012 zu einer Protestkundgebung in die Hafencity ein. Mitgliederverbände der LAG forderten „den Abbau von Barrieren die behinderten und älteren Menschen die eigenständige Mobilität erschweren.“ Das sind z.B.:

  • Treppen ohne oder mit unterbrochenen oder zu kurzen Handläufen,
  • Stufen ohne kontrastreiche Markierungen,
  • Pflasterungen, bei denen man nicht weiß, ob es sich um Stufen oder nur ein Muster handelt,
  • fehlende oder zu steile Rampen,
  • kaum lesbare Schilder und Hausnummern, schlecht wahrnehmbare Poller, Fahrradbügel, freischwebende Treppen.

Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Hafencity Jürgen Bruns-Berentelg nahm die Kritik ernst, inzwischen sind einige Barrieren abgebaut, z. B. sind Stufen kontrastreich markiert, viele Ruhebänke haben Lehnen bekommen.

Erfreulich ist auch, dass mit der PLAST 10 (Planungshinweise für Stadtstraßen in Hamburg) – barrierefreie Verkehrsanlagen – Entwicklungen im Bereich Barrierefreiheit Rechnung getragen wird. Mitarbeiter der Stadt Hamburg – egal ob in den Behörden oder Bezirken – müssen sich daran halten. Kurzfristige Ergänzungen werden in einer Fortschreibung eingearbeitet. Da die Stadt Hamburg auf die Beteiligung der Nutzer angewiesen ist, bittet sie darum, auf mögliche Probleme oder besonders gut gelungene Lösungen hinzuweisen.

Die Gesellschaft ändert sich ständig. Wenn Planer nicht starr an ihren Regelwerken hängen, sondern dynamisch auf Veränderungen reagieren und Betroffene gleich fragen, worauf bei der Gestaltung des öffentlichen Raumes geachtet werden sollte, lassen sich teure Nachbesserungen vermeiden.

Birgit Brink, Dezember 2012

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